St. Galler Tagblatt / 18. September Rubrik: LEBEN
Aus Raum wird Klang
Geräusche sind mal störend, mal erwünscht. Im Theater zum Beispiel ist die richtige Beschallung das A und O. Der Akustiker Thomas Imhof über Raum und Klang - an einem konkreten Beispiel.
Herr Imhof, was ist Akustik?
Thomas Imhof: Ich unterscheide zwischen Raumakustik, Bauakustik und Elektroakustik. Raumakustik ist das, was zum Beispiel hier im «Don Quixote»-Theater Gais zur Anwendung kommt. Also die Innengestaltung des Raumes, des Bodens, der Wände und Decke. Über die Tribünenstühle haben wir Wolldecken ausgelegt und damit in den Proben das fehlende Publikum ersetzt. Die Bauakustik befasst sich mit dem Schallschutz gegen aussen. Vorbeifahrende Autos sollen im Theater nur schwach oder gar nicht hörbar sein. Das dritte Fachgebiet, die Elektroakustik, kommt im Musicaltheater Gais bewusst nur minimal zur Anwendung. Wir setzen einen kleinen Lautsprecher zur Verstärkung der klassischen spanischen Gitarre ein, da diese im Vergleich mit dem Orchester etwas leiser ist.
Wie wird man Akustiker?
Imhof: Es gibt sehr unterschiedliche Wege, die zu diesem Beruf führen. Ich bin Elektroingenieur, mein Spezialgebiet im Studium war die Hochfrequenztechnik. 1986 machte ich mich nach entsprechender Vorbereitung als Akustiker selbständig. Vorausgegangen ist natürlich eine intensive Weiterbildung auf privater Basis.

Was sich heute als Musical-Theater Gais präsentiert, war noch vor einem halben Jahr eine triste, kahle Industriehalle. Aus der nicht fassbaren Akustik jener Industriehalle wurde ein Theater mit guter Akustik. Wie bringt man das zustande?
Imhof: Wir gingen sehr pragmatisch vor. Einerseits skizzierten verschiedene Fachleute - Regisseur, Architekt, Bauleiter - ihre ganz speziellen Vorstellungen. Gemeinsam diskutierten wir die verschiedenen Anforderungen und die notwendigen Massnahmen für die Verbesserung der Raumakustik. Neben baulichen Massnahmen wurden auch Fragen, welche die Regie unmittelbar beeinflussen, besprochen und praktisch ausprobiert. In welche Richtung sollen die Solisten singen, wo und wie soll sich das Orchester platzieren. Die verschiedenen Fachleute arbeiteten Hand in Hand zusammen. Als Akustiker war ich nur ein Rädchen in diesem ganzen Getriebe.
Auf Ihrer Homepage findet der Surfer unter anderem eine Seite mit einer Abbildung der unterschiedlichsten Messinstrumente. Kamen solche in diesem Theater zur Anwendung?
Imhof: Nein. Dank meiner 16-jährigen Erfahrung als Akustiker konnte ich auch ohne Messungen der Bauleitung klare Anweisungen geben und schlüssige Aussagen über die zu erwartenden akustischen Bedingungen machen. Es wäre auch gar nicht sinnvoll gewesen, die leere Halle auszumessen. Denn der ursprüngliche Raum ist wegen der Einbauten nicht wieder zu erkennen. Es blieb quasi kein Stein auf dem andern.
Vor der Premiere haben Sie Bühnenproben von Orchester, Ensemble und Solisten besucht. Kann nun, da der Innenausbau praktisch abgeschlossen ist, die Akustik baulich noch verbessert werden?
Imhof: Während meinen beiden Probenbesuchen habe ich die akustischen Verhältnisse an verschiedenen Orten überprüft und mir Gedanken zur Feinabstimmung gemacht. Ein Problem war die Balance zwischen Orchester und Chor. Wir hatten den Eindruck, das Orchester sei teilweise eher zu laut. Zudem waren nicht alle Instrumente gleich gut hörbar. Diese Probleme wurden mit Umplatzierungen im Orchester sowie durch Aufhängen von zusätzlichen Vorhängen im Orchesterraum gelöst. Die Vorhänge wurden in Streifen so aufgehängt, dass Orchesterlautstärke und Balance schlussendlich optimal wurden. Als weiteres Beispiel für das Feintuning möchte ich die Hallendecke erwähnen. Im obersten Tribünenbereich haben wir den Schallreflektor aus Spanplatte ursprünglich weggelassen. Es zeigte sich aber allmählich, dass die letzte Zuschauerreihe auf zusätzliche Schallenergie angewiesen war, weshalb wir diesen Reflektor dann doch montiert haben.
Nicht alle Musicals brillieren mit einer guten Akustik. Ist «Don Quixote» eine löbliche Ausnahme?
Imhof: Zuallererst ist für mich das Engagement aller Leute, die hier am Musical mitarbeiten, etwas sehr beeindruckendes. Die Organisatoren haben nichts unversucht gelassen und sogar einen Akustiker beigezogen! Ich hatte bei anderen Musicals den Eindruck, dass mit vielen Mikrofonen und Lautsprechern versucht wurde, eine schwierige Raumakustik zu verbessern. Dies ist aber nicht immer möglich. Es wäre besser, zuerst den Raum zu behandeln und gute Grundvoraussetzungen für eine zusätzliche Beschallung zu schaffen. Der Einsatz von elektroakustischen Hilfsmitteln ist sehr anspruchsvoll. Er stört oft das Raumgefühl, die Orientierung zur Originalschallquelle hin sowie das optische und architektonische Bild der Bühne. In Gais erreichten wir ohne Mikrofone und Lautsprecher eine gute klangliche Einheit von Raum, Orchester und Chor.
Interview: Benno Gämperle
| Thomas Imhof, Akustiker Thomas Imhof ist gebürtiger Laufentaler. Vor über zwanzig Jahren kam er aus beruflichen Gründen in die Ostschweiz - und blieb hängen. Damals arbeitete der gelernte Elektroingenieur HTL als Stationschef-Stellvertreter für die Fernmeldekreisdirektion St. Gallen (heutige Swisscom) in der Mehrzweckanlage der PTT auf dem Säntis. In der Folge liess er sich zum Akustiker weiterbilden. Heute ist er dipl. Akustiker SGA. Vor 16 Jahren wagte er den Schritt in die Selbständigkeit. Er leitet heute in Speicher die Imhof-Akustik AG. Die Firma präsentiert sich im Internet unter www.imhof-akustik.ch. Dort findet der Surfer Angaben und Links zu Themen rund um die Akustik. Einer der Links führt zur Inszenierung des Musicals «Don Quixote - der Mann von la Mancha» in Gais (die letzten Aufführungen: 18., 20., 21. sowie 24. bis 28. September). Imhofs Aufgabe bestand darin, eine Industriehalle akustisch als Theaterraum für 300 Personen herzurichten. Die Inszenierung kommt mit Ausnahme eines Gitarrenverstärkers ohne elektronische Hilfsmittel aus. |


